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Der Terroranschlag in Paris hat die meisten von uns betroffen gemacht. Viele fragen sich: Warum? Was geht in den Köpfen dieser Irren vor, die sich da selbst in die Luft jagen und haufenweise Unschuldige mit in den Tod reißen ... - Mehrfach habe ich in den letzten 2 Tagen auf Facebook und Twitter Äußerungen gelesen, die auf die ein oder andere Art und Weise zum Ausdruck brachten: "Ich will nicht, dass sowas passiert. Es macht mich traurig. Ich fühle mit den Angehörigen ..."

Viele sind geschockt, fühlen sich hilflos angesichts einer solchen Tat. Ich auch. - Jan Böhmermann hat viele der Gedanken, die mir und anderen in diesen Tagen durch den Kopf gehen, wie ich finde sehr treffend in 100 Fragen auf Facebook formuliert: https://www.facebook.com/jboehmermann/posts/1075651622467360.

Manch einer hat in dieser Situation spontan sein Facebook-Profilbild geändert und in den Farben der Trikolore gestaltet, um damit seine Anteilnahme auszudrücken. Und recht schnell tauchten dann auf Facebook auch die ersten kritischen Äußerungen bzgl. dieser Profilbilder auf. Etliche Male tauchte in meiner Timeline heute das Bild des Jungen auf, der triumphierend vor seinem Notebook sitzt und über dem Bild liegt der Text: "Profilbild geändert - Terrorproblem gelöst". Andere haben in eigenen Beiträgen mehr oder weniger heftig zum Ausdruck gebracht, dass sie diese Trikolore-Profilbilder als heuchlerisch empfinden, weil Paris damit so eine große Aufmerksamkeit bekomme, während z. B. der Anschlag in Beirut einen Tag vor Paris kaum wahrgenommen worden sei, obwohl auch dort Dutzende Mensch ihr Leben verloren und rund 200 z. T. schwer verletzt wurden.

Obwohl ich selbst mein Profilbild anlässlich des Pariser Anschlags nicht geändert habe, macht mir die Kritik an den Trikolore-Profilbildern große Bauchschmerzen. Niemand, der so sein Profilbild geändert hat, glaubt damit das Terrorproblem zu lösen. Das ist eine ziemlich blödsinnige Unterstellung, weshalb ich für diese Art der Kritik überhaupt kein Verständnis habe.
Der Vorwurf, dass hier EIN Ereignis unberechtigt eine größere Aufmerksamkeit bekomme als andere, die mindestens ebenso schlimm oder gar noch schlimmer seien, hat da schon etwas mehr Berechtigung. Ein Facebook-Beitrag zu diesem Thema hat auch mich nachdenklich gemacht:
https://www.facebook.com/charlotte.farhan/posts/10153670349070549.

Es stimmt schon: wollten wir unsere Anteilnahme "gerecht" verteilen, dann müssten wir wohl mindestens täglich - wenn  nicht sogar häufiger - unsere Profilbilder anpassen. Grausamkeiten gibt es genug. Aber nur weil man aktuell an einem Ereignis besonders Anteil nimmt, heißt das ja nicht, dass einem der Rest egal ist, oder? Wisst ihr Kritiker denn, was diejenigen, die jetzt ihr Profilbild vorübergehend ändern, ansonsten gegen die Grausamkeiten in unserer Welt unternehmen? Wieso macht ihr an dieser kleinen Geste sofort den Vorwurf fest, dass damit alle anderen Ungerechtigkeiten ignoriert würden? Wie ernst es jemand mit so einer Geste meint, kann und will ich nicht beurteilen. Aber mir ist jemand, der mit so einem Profilbild ein winziges kleines Zeichen setzt, immer noch lieber, als solche, denen Paris womöglich egal ist. Und dass ein Vorfall, der quasi "nebenan" passiert, Menschen eher betroffen macht, als ein Ereignis in weiter Ferne, das kann ich nachvollziehen. Viele von denen, die jetzt die Trikolore im Profilbild tragen, waren vermutlich schon mal in Paris, kennen vielleicht sogar Menschen, die dort leben.

Was ist so schwer daran, dieses kleine Zeichen einfach mal so stehen zu lassen, auch wenn man selbst das für sich so nicht tun möchte? Wenn ich zufällig einen schweren Verkehrsunfall miterlebe, geht mir das auch an die Nieren und ich fühle mit den Opfern und bringe das ggf. gegenüber meinen Freunden zum Ausdruck. Das bedeutet doch aber nicht, dass mir die Opfer aller sonstigen Unfälle egal sind. Ich möchte niemanden kritisieren oder gar verurteilen, der in diesen Tagen sein Profilbild ändert - ebenso wenig kritisiere ich jene, die es nicht tun.
Einige fragen: Was soll denn dieses Profilbild bringen? Was ändert es? - Ich frage: Was bringt es denn, sein Profilbild nicht zu ändern? Und vor allem: Was bringt denn bitte diese - z. T. recht harte - Kritik daran? Ich begreife diesen moralischen Zeigefinger nicht, der die Gefühle von anderen Menschen in Frage stellt und ihnen unterstellt, damit etwas falsch zu machen. Ich finde das überheblich.

Es gibt allerdings eine Sache in diesem Zusammenhang, die mich dann doch irritiert: Dass Facebook dafür nun nicht nur eine extra Funktion anbietet, sondern mir sogar proaktiv anbietet, mein Profilbild temporär zu ändern - DAS empfinde ich als ziemlich abartig. In der Vergangenheit gab es immer wieder mal Situationen und Ereignisse, in denen verschiedene Menschen auf sehr kreative Weise sich selbst passende Profilbilder angefertigt haben und damit ihre Anteilnahme oder ihr Engagement zum Ausdruck gebracht haben. Dieser kreative Akt, bei dem Menschen selbst aktiv werden, sich Gedanken machen und diese dann in eine - wenn auch noch so kleine - Tat umsetzen, drückt zumindest deutlich mehr aus, als die Benutzung einer vorgefertigten Facebook-Funktion. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum ich diese Funktion nicht genutzt habe.

Just my 2 cent.
Andy