4 Milimeter – oder: Die Bedeutung eines Gartentörchens für die Weltwirtschaft
29. Februar 2008 von urban |
Donnerstagfrüh, kurz vor sieben. Der Businesskasper Herr P. aus D. verlässt wie jeden Morgen nach dem obligatorischen Abschiedskuss für seine Gattin sein schickes Einfamilienhaus. Adretter dunkelblauer Mantel, mit Schlips und Kragen hackt er in seinen polierten italienischen Schuhen äußerst dynamisch auf das Gartentörchen zu ...
Dieses besagte Gartentörchen klemmt seit Wochen, lässt sich nur noch mühsam öffnen, wobei man sich an so trüben Tagen wie heute nicht selten gerne mal die Finger schmutzig macht. Tagelang hatte Herr P. sich darüber geärgert, hatte schon morgens beim Aufstehen das Feindbild "Gartentörchen" vor Augen. Diese blöde unscheinbare aber eben klemmende Öffnung im Jägerzaun war drauf und dran ihm regelmäßig schon früh morgens den Tag zu versauen.
Bis er sich eines Morgens an das letzte Manager-Training erinnerte ... - Wie war das noch gleich? Hürden sind dazu da, bewältigt und übersprungen zu werden, um daran zu wachsen! Genau! Und exakt DAS würder er jetzt auch mit diesem popeligen Gartentörchen tun. Also beschleunigte er seine Schritte, klemmte die Aktentasche noch fester unter den linken Arm, stützte sich mit der rechten Hand kurz auf den Torpfosten und - schwupp - schwang er die Beine in hohem Bogen über die bedrohlich nach oben weisenden Spitzen des Törchens, um dann sicher auf dem Bürgersteig zu landen.
Ein kurzer Blick zurück: Ha! - Dieses Gartentörchen würde ihm von nun an nichts - aber auch GAR NICHTS - mehr anhaben können!
Von diesem Morgen an war das verklemmte Gartentor kein Hindernis mehr, welches für Verärgerung sorgte. Stattdessen war es eine allmorgendliche Herausforderung, die es zu bewältigen galt - und deren erfolgreiche Bewältigung die Weichen stellte für einen ebenso erfolgreichen Tag - zumindest bis gestern ...
Wie schon gesagt:
Donnerstagfrüh, kurz vor sieben. Der Businesskasper Herr P. aus D. verlässt wie jeden Morgen nach dem obligatorischen Abschiedskuss für seine Gattin sein schickes Einfamilienhaus. Adretter dunkelblauer Mantel, mit Schlips und Kragen hackt er in seinen polierten italienischen Schuhen äußerst dynamisch auf sein heiß geliebtes Motivations-Managertrainings-Gartentörchen zu ... - bereits routiniert stützt die Rechte sich auf den Pfosten, während die Linke die Aktentasche einklemmt und der Körper sich anspannt und zum Sprung bereit macht - mittlerweile kann Herr P. bei dieser ganzen Aktion sogar strahlend den Fußgängern auf der anderen Straßenseite zulächeln - die Füße heben hab - Schwung - und ... bleiben an einer der Jägerzaunspitzen hängen ... - und Herr P. schlägt - die Aktentasche immer noch fest unter dem Arm eingeklemmt - mit dem Gesicht zuerst auf dem Gehweg auf, wobei schließlich auch die Aktentasche sich befreit, den Gehweg entlang schliddert, dabei ein paar Papiere und ein Designer-Notebook freisetzt und in der regennassen Gosse zum Erliegen kommt.
Peinlich. Schmerzhaft. Vor allem für's Ego. - Abgesehen davon, dass Herr P. aufgrund der notwendigen Rückkehr ins Haus, Verarztung durch seine Frau, Wechsel der Kleidung etc. ein äußerst wichtiges Meeting an diesem Morgen wenn auch nur knapp verpasste, verlief dieser Tag alles andere als erfolgreich. Die enorme positive Bedeutung, die er seinem Gartentörchen in den letzten Wochen abgerungen hatte, verkehrte sich nun ins komplette Gegenteil: mit weichen Knien und total verunsichert - ein häßliches und für sein Empfinden riesiges Heftpflaster im Gesicht - trat er an diesem Tag sowohl Kunden als auch Geschäftspartnern gegenüber. Ihm fehlte der Biss - er konnte sich nicht konzentrieren, war permanent mit der Frage beschäftigt, wie das hatte passieren können.
Und so nahm er kaum wahr, dass er den zwingend notwendigen Investor nicht hatte überzeugen können, dass somit die Zukunft der Firma auf's Äußerste gefährdet war, mit Sicherheit einige tausend Entlassungen notwendig werden würden, sein Chef ihn am liebsten schon jetzt durch den Fleischwolf gedreht hätte und und und ...
Dieser Morgen würde nicht nur sein Leben sondern eben auch das zahlreicher anderer Mitarbeiter der Firma gravierend verändern. Später erfuhr er, dass der an diesem Tag abgesprungende Investor kurz darauf bei einer osteuropäischen Konkurrenzfirma erschienen und dort offensichtlich weit mehr überzeugt worden war. Mit dem frischen Kapital war diese Firma kurze Zeit später sogar in der Lage mit einer anderen Firma zu fusionieren, wodurch die Marktstrukturen in dieser Branche sich komplett veränderten. Eine ganze Reihe von kleineren Firmen musste schließen, Produktionen wurden ins Ausland verlagert, Arbeitskräfte freigestellt etc. etc.
Und warum das alles? - Viele Wochen nach dem Vorfall wagte Frau P. endlich, ihrem Mann von ihrer Gartentörchen-Reparaturaktion zu erzählen. Am Vortag des omminösen hier nun schon mehrfach erwähnten schwarzen Donnerstags nämlich hatte sie sich daran erinnert, wie ihr Mann kürzlich die klemmende Esszimmertür wieder gefügig gemacht hatte, indem er die Tür kurzerhand ausgehängt und dann je eine Unterlegscheibe auf die beiden Scharniere gesteckt und die Tür wieder eingehängt hatte. Verbunden mit ein paar Tropfen Öl hatte diese Maßnahme Wunder gewirkt. Warum also sollte auf diese Weise nicht auch das Gartentörchen wieder gängig gemacht werden können ....
Funktionierte ja auch - nur dass EINE Unterlegscheibe alleine nicht ausreichte, weil sich die Bodenplatten offenbar deutlich gehoben hatten. Also packte sie mehrere Unterlegscheiben unter die Scharniere, woduch der Abstand vom Boden zur Oberkannte des Törchens um rund 4 Milimeter vergrößert wurde.
4 Milimeter, die nicht nur Herrn P. zum Verhängnis wurden sondern - ähnlich wie der Flügelschlag des Schmetterlings im Amazonas Urwald (sehr anschaulich auch hier dargestellt) - weitreichende Konsequenzen in einem bedeutenden Teil der Weltwirtschaft nach sich zogen.
Liebe Ehefrauen, nun wisst ihr hoffentlich, warum uns Männern immer mulmig wird, wenn ihr Werkzeug in die Hand nehmt ... - Den Spruch: "Was soll denn schon passieren ... " will ich in diesem Zusammenhang jedenfalls nie wieder hören!
Mahlzeit,
tja so ist das. Ein Millimeter ist kein Baumaß aber 4 mal Nichts kann verheerende Auswirkungen haben. Jägerzäune und deren Lücken sind eh per se schon Schiete. Abreissen und verfeuern sag ich da nur.
Glück auf!
PS: Der Wikilink hat ein „http//“ zuviel.
Besten Dank für den Hinweis auf den fehlerhaften Link, ist nun korrigiert.
Zum Thema “Jägerzaun” habe ich Ihnen einen touristisch-safari-orientierten Hinweis in Ihrem Blog hinterlassen.
Glück auf!
urban