Krise? und vor allem für wen?
22. Januar 2008 von urban |
“Jeder Achte von Armut bedroht” - so die Überschrift eines kleinen Artikels in der heutigen Ausgabe der Westfälischen Rundschau.
Gestützt auf Zahlen des statistischen Bundesamtes wird dort der Zustand von 2005 beschrieben, wo offenbar 13% der Deutschen von Armut bedroht waren. Armut fängt statistisch übrigens da an, wo jemand EUR 781,- (oder weniger) pro Monat zum Leben hat (ob man sich mit EUR 782,- / Monat besser fühlt?).
Im selben Jahr konnte man anderswo (z. B. bei Spiegel Online) lesen: “Die 30 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands haben laut einem Pressebericht ihre Gewinne 2004 auf 35,7 Milliarden Euro verdoppelt.” – während sie übrigens in Deutschland gleichzeitig 35.000 Arbeitsplätze beseitigt hatten.
Zahlen von 2007 finde ich im Moment (noch) nicht – aber da das Ziel von börsennotierten Unternehmen eigentlich permanent die Steigerung der Gewinne ist und 2007 insgesamt ein ziemlich gutes Jahr war, dürften die Gewinne weiter gestiegen sein. Die Privatinsolvenzen übrigens auch:
Von meiner Seite vorest: kein Kommentar.




Nun, man braucht sich über die Zunahme der Privatinsolvenzen nicht wundern, wenn man beispielsweise mehr als beanstandbare “Aquise-Formen” für Kredite anschaut: Finde ich doch in meinem Briefkasten diese Woche eine nicht adressierte Massenwurfsendung einer Privatbank, welche mir mitteilt, dass mein Kleinkredit für mich schon reserviert sei, ich müsste ihn nur noch abholen… Also bisher kannte ich sowas nur von einschlägig indizierten (http://www.vzhh.de/~upload/rewrite/TexteRecht/GewinnspieleListe.aspx) Lotterie- und Abo-Vertickern.
ruediger schrieb am 22. 1. 2008:
Zitat: “wenn man beispielsweise mehr als beanstandbare “Aquise-Formen” für Kredite anschaut”
Wieso ist das beanstandbar? Die Bank macht ihr Geschäft u. a. damit, dass sie Kredite vergibt. Also macht sie Werbung für ihre Kredite. So, wie eben Nokia Reklame für Handys macht. Ist das auch beanstandbar?
Für mich und auch für diverse Verbraucherzentralen ist das nicht “Werbung”. Natürlich ist Werbung keinesfalls beanstandbar aber zwischen vorsätzlicher, versuchter Täuschung, auf die tendenziell nunmal besonders die Schwachen in unserer Gesellschaft hereinfallen (und das der Absicht der “Werbenden” auch *sollen*) und seriöser Werbung ist ein Unterschied — und auf den spiele ich hier an. Sie und ich werden über Briefe, die mit “Sie haben gewonnen!” beginnen, mit einem verächtlichen Lachen reagieren und den Fetzen in’s Altpapier tun, aber zu viele andere nicht. Gab jemand, der darauf rein fiel, “nur” seine Adresse her, so ist das schlimm genug. Kredite jedoch sollten m.E. nur in einem (halbwegs) seriösen Kontext beworben und abgeschlossen werden.
ruediger schrieb am 23. 1. 2008:
Zitat: “aber zwischen vorsätzlicher, versuchter Täuschung, auf die tendenziell nunmal besonders die Schwachen in unserer Gesellschaft hereinfallen (und das der Absicht der “Werbenden” auch *sollen*) und seriöser Werbung ist ein Unterschied”
Der Unterschied liegt sicher nicht in den Zielen. Sowohl die sogenannte seriöse wie auch die sogenannte unseriöse Werbung möchte den Beworbenen dazu bringen, anzubeißen. Und ob derjenige, der anbeißen soll, zu den Schwachen oder den Starken der Gesellschaft zählt, ist völlig unerheblich. Die Erfolgsmeldung, dass das vergebene Kreditvolumen eines Geldinstitutes wieder erfreulich ausgeweitet werden konnte, unterscheidet nicht danach, ob die Kreditnehmer zu den Schwachen oder Starken gehören, sondern allenfalls nach der Bonität der Schuldner.
Der Mitarbeiter einer Bank ist speziell geschult, wie er sich im Beratungsgespräch bei einer Kreditvergabe zu verhalten hat. Er hat Zugriff auf die Daten des Kunden, soweit sie der Bank vorliegen, kennt den Kunden vielleicht sogar persönlich und hat theoretisch und im Rollenspiel praktisch gelernt, wie er den Kunden dazu bringt, das zu machen, was der Bank nützt. Diese Einseife auf hohem Niveau nennt man seriös. Der im Vergleich dazu unbeholfene Massenbrief gilt als unseriös. Das ist der Unterschied.