Sanktionen statt Nachdenken
19. Januar 2008 von urban |
Vor ein paar Jahren sang Herbert Grönemeyer mal "Kinder an die Macht!". In diesen Tagen titelte ein großes Boulevard-Blatt "Kinder in den Knast". Bezog sich auf die Gedankenergüsse des hessischen Ministerpräsidenten, der gerne auch Kinder unter 14 Jahren nach dem Jugendstrafrecht belangen und damit ggf. auch ins Gefängnis stecken möchte. Das passt in eine Reihe mit den kürzlich in Kraft getretenen Regelungen, nach denen Kinderärzte den Jugendämtern darüber Bericht zu erstatten haben, wenn Eltern mit ihren Kleinsten nicht zur regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung erscheinen.
Keine Frage, dass sowohl Kinder- und Jugenkriminalität als auch die Verwahrlosung, Mißhandlung und bisweilen auch Tötung von Kindern durch ihre eigenen Eltern keine schöne Sache sind. Nur macht sich leider kaum noch jemand mal die Mühe, über die Ursachen solch häßlicher Gegebenheiten nachzudenken. Stattdessen wird in diesem Land zunehmend versucht, Mißstände durch Überwachung und Sanktionen in den Griff zu bekommen.
Könnte es nicht sein, dass der stetig wachsende Leistungsdruck in der Arbeitswelt, den Schulen, den Ausbildungsstätten auf Dauer mit dazu beiträgt, dass auf der einen Seite Eltern nicht mehr in der Lage sind, ihren Kindern die Zuwendung und Fürsorge zu Teil werden zu lassen, die nötig wären - und dass auf der anderen Seite junge Menschen das Gefühl haben, ihrem Schrei nach Aufmerksamkeit und Ernstgenommenwerden nur noch in Form von immer extremerem Verhalten Gehör verschaffen zu können?
Fragt sich irgendwer mal, was eigentlich passiert sein muss, damit eine Mutter ihr Kind verhungern lässt - oder fragt sich wer, was ein Kind erlebt haben muss, damit es in einer Gang landet und Rentner überfällt?
Ich habe nicht den Eindruck, dass derzeit über die Ursachen solcher Entwicklungen ernsthaft nachgedacht wird - zumindest nicht bei den Entscheidern in dieser Gesellschaft. Stattdessen wird immer öfter reglementiert und sanktioniert. Irgendwie muss man ja die Probleme in den Griff kriegen - und vor allem die Produktivität der arbeitenden Bevölkerung aufrecht erhalten.
Je fester man den Deckel auf den brodelnden Topf drückt - desto lauter wird der Knall, wenn man nicht irgendwann mal anfängt darüber nachzudenken, woher eigentlich die Hitze unter dem Topf kommt ...
hallo urban,
unterschreibe ich direkt alles, was du sagst. dennoch finde ich, dass es eben auch eine direkte verantwortung der täter und/oder eltern in deinen angesprochenen fällen gibt. gründe und ursachen gibt es immer und überall und es ist sicherlich die weit wirkungsvollere “medizin” ursachen zu bekämpfen als symptome. verantwortung für sein handeln zu übernehmen ist imho allerdings auch ein hohes gesellschaftliches gut und eine moralisches “muss”.
oliver
Hallo oliver,
dass verantwortliches Handeln auf jeden fall eine vernünftige und wünschenswerte Sache ist – da stimme ich zu. Mit dem “moralischen muss” habe ich ziemliche Bauschmerzen – aber das wäre ein neues Thema.
Ich will niemandenden aus der Verantwortung nehmen – so nach dem Motto: Schuld sind nur die Verhältnisse. Jeder hat einen Kopf und die meisten können – zumindest theoretisch – auch damit umgehen und ihren Verstand benutzen. Ich finde aber, dass es Sinn machen würde, mal darüber nachzudenken, ob und inwiefern der wirtschaftlich bedingte stetig wachsende Druck auf die arbeitende Bevölkerung zumindest MITverantwortlich ist für so manche Entgleisung von Kindern und Eltern.
Und wenn sich das bewahrheiten sollte, dann macht es m. E. herzlich wenig Sinn, diesen Druck nun auch noch in Form von Überwachung und Sanktionen zu verstärken.