Nokia verlässt Bochum – Krokodilstränen und Doppelmoral
19. Januar 2008 von urban |
Was mich in den letzten Tagen am meisten geärgert hat:
Nokia wird das Werk in Bochum schließen und rund 2.000 Mitarbeiter entlassen und stattdessen nach Rumänien abwandern. Im Blick auf Zulieferer und sonstigem Umfeld kostet das dann möglicherweise noch mal 1-2.000 weiteren Menschen ihren Arbeitsplatz. Die Reaktionen auf diese Nachricht sind heftig – zumal Nokia in den letzten Jahren für die Erhaltung des Standortes Bochum offenbar 80-90 Mio Euro Subventionen kassiert hat.
Nun ist also das Geschrei groß – selbst führende Landespolitiker rufen indirekt zum Boykott von Nokia-Produkten auf, Betriebsräte geben sich kämpferisch und Herr Rütgers versucht verzweifelt, sich zum Retter der Region aufzuspielen. “Unmoralisch” sei das, was Nokia da tut, von der berühmt-berüchtigten “Heuschrecke” ist mal wieder die Rede: einsacken und dann die Leute im Regen stehen lassen …
Ich kann’s nicht mehr hören. Nicht weil mir die Menschen nicht leid täten, die da demnächst auf der Straße stehen und von denen viele nicht so ohne weiteres einen neuen Arbeitsplatz finden werden. Sondern weil ich es als heuchlerisch empfinde, was da gerade abgeht. Was bitteschön hat denn die Konzernleitung eines börsennotierten Unternehmens mit “Moral” am Hut? – Nix, warum sollte sie auch. Hier geht’s um die Regeln der vielgelobten Marktwirtschaft – und nach denen ist die Entscheidung der verantwortlichen Manager absolut logisch und vernünftig. Es wäre – in der Logik unseres Wirtschaftssystems – geradezu unverantwortlich, wenn sie sich jetzt weichkochen ließen.
Die Fehler sind doch schon viel früher und ganz wo anders gemacht worden: Wie bitteschön kann man einem Unternehmen 90 Mio in den Hintern blasen, ohne sich dafür entsprechend langfristige Garantien geben zu lassen?! – Oder noch grundsätzlicher betrachtet: Hätte man diese Subventionen nicht gewährt, dann wäre Nokia vielleicht schon viel früher gegangen – ja – aber dann hätte man mit den 90 Mio in der Region doch auch was Neues aufbauen können bzw. hätte man in der Region verwurzelte kleine Firmen unterstützen können – oder?
Das ganze Gejammer der Politiker an dieser Stelle ist in meinen Augen eine einzige Heuchelei. Die wissen genau, dass sie die Fakten nicht ändern können und dass Nokia so oder so gehen wird. Und die wissen im Grunde ebenso, dass das unternehmerisch gesehen die einzig richtige Entscheidung ist. So funktioniert sie nun mal die hochgelobte Marktwirtschaft in Zeiten der Globalisierung.
Ach ja – und dann sind da noch die ganz Kämpferischen, die in diesen Tagen in Foren, Radiobeiträgen, Podiumsdiskussionen etc. rumkrakelen und standhaft kundtun, dass sie ab sofort keine Nokia-Produkte mehr kaufen werden. So so … – und wo wird am nächsten Tag getankt? Doch vermutlich da, wo’s am billigsten ist oder etwa nicht? Woher der Sprit kommt, der da aus der Zapfsäule fließt, interessiert dabei keine Sau. Ob der dahinter stehende Mineralölkonzern irgendwo Regenwälder abholzt und die Umwelt verseucht – ob die Ölbosse zusammen mit ihren Politikerfreunden zigtausendfach über Leichen gehen, um ihre Profite zu sichern – scheiß drauf – wen juckt das?
Ob es die extrem günstigen Preise für exotische Südfrüchte im Supermarkt sind – oder ob es preiswerte Möbel, Teppiche etc. aus dem Einkaufszentrum sind: wer interessiert sich schon dafür, dass kleine Sklavenkinder sich die Finger blutig knüpfen oder dass Bauern ihr Land genommen wird, um dort im großen Stil die von uns begehrten Südfrüchte anzubauen etc. etc.
Aber keine Nokia-Handys mehr kaufen … hört hört … – aber da kräht in ein paar Monaten sowieso kein Hahn mehr nach. Geiz ist ja sooooo geil ….
Verabschieden wir uns doch endlich von der Illusion, als gäbe es eine “soziale” Marktwirtschaft. Die gab es nie und die wird es im Zeitalter der Globalisierung erst recht nicht geben. Unser Wirtschafts- und Finanzsystem ist nicht dafür gemacht und weiterentwickelt worden, damit es möglichst vielen Menschen möglichst gut geht. Das kann man mögen oder nicht (das hängt meist davon ab, auf welcher Seite des Tisches man sitzt …) – aber die “wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass”-Mentalität die geht mir gehörig auf den Zeiger! Entweder man spielt mit – mit ALLEN Konsequenzen – oder aber man fängt an, sich über dieses Scheiß-Spiel und seine Regeln mal ein paar ordentliche Gedanken zu machen. Könnte ja sein, dass sich dabei ein paar ganz neue Perspektiven ergeben …
Die demnächst arbeitslosen Noch-Nokia-Mitarbeiter haben mein Mitgefühl. Mögen sie über ihre Situation mal gründlich nachdenken – und dann ihre Wut an die richtige Adresse wenden – vernünftig und gewaltlos natürlich … – nicht dass nachher noch jemand verletzt wird ….




… da wird lauthals über subeventionen gejammert, die man selbst zu verantworten hat. “grosse” politiker rufen zum boykott auf und tiefe betroffenheit macht sich breit. heuchelei ist mir noch zu zahm. opportunismus auf dem rücken der betroffenen trifft es wohl eher.
allerdings regt mich das nicht (mehr) auf, weil das der pawlowsche reflex ist – und für viele reicht er ja offensichtlich auch.
schöne grüsse
oliver
Hallo Urban,
hab heute deinen Blogbeitrag bei O.Beil gelesen und dachte mal guck doch mal genauer hin
Die Sache mit Nokia ging mir sehr nahe, war sogar wütend darüber, aber nicht so sehr der Arbeiter wegen, die nun bald arbeitslos werden, sondern wegen des Systems das die Ursache dafür bildet. Deinem Beitrag stimme ich in jedem Punkt zu.
Einerseits beklagt man sich über Arbeitsplatzverlust, zu gering bezahlte Jobs, Zuwanderer die für Billiglöhne arbeiten, Unternehmen die dahin auswandern wo man immer billiger produzieren kann und andererseits gilt hier die Mentalität “Geiz ist geil und wenn`s geht Preisschnäppchen wo nur möglich.”
Wann merken die Leute endlich, dass Sie sich durch dieses Verhalten selber der sicheren Arbeitsplätze berauben und die sinkenden Löhne auch auf ihr eigenes Verhalten beruhen ? Gut fände ich zu sagen, wenn man keine Produkte mehr kauft die nicht in erster Linie bei uns produziert werden. Aber ob das klappt ?
Gruß, Thomas
Hallo Thomas,
tja – dieses berühmt-berüchtigte “System”, das für so vieles die Ursache bildet – das wird man mal genauer unter die Lupe nehmen müssen – und das wird auf Dauer hier sicher immer wieder mal passieren. Von daher: Bleiben Sie dran!
Du hattest den Kommentar 2 x gepostet – ich hab mir erlaubt ihn in der anderen Kategorie zu löschen, weil er ja hier viel besser hin passt.
Gruß, urban
Urban schrieb am 19. 1. 2008:
Zitat: “Verabschieden wir uns doch endlich von der Illusion, als gäbe es eine “soziale” Marktwirtschaft. Die gab es nie und die wird es im Zeitalter der Globalisierung erst recht nicht geben.”
Ich würde das etwas anders sagen, evtl. sogar anders sehen. Ich will von den Anführungsstrichen um das Wort sozial weg. Deshalb lege ich Wert auf die Feststellung, dass die moderne Marktwirtschaft und auch schon die im 20. Jahrhundert sozial war und ist. Es gibt ein ausgeklügeltes Krankenversicherungswesen, in Altersrentenkassen wird mächtig eingezahlt und es werden auch tatsächlich Renten ausbezahlt, bei Arbeitslosigkeit, Unfall, Berufsunfähigkeit fließen Gelder an die Betroffenen, bei erheblicher Bedürftigkeit gibt es Unterstützung. Es wäre wenig sachdienlich, dies zu leugnen oder nicht den korrekten Begriff Sozialstaat zu verwenden.
Genauso wenig sachdienlich wäre es allerdings, zu leugnen, dass das Leben in Abhängigkeit von den Sozialstaatsleistungen irgendwo zwischen dürftig und mühselig bis hin zu schlichtweg beschissen liegt. Auch das ist noch keine so ganz neue Feststellung. Zu klären wäre allerdings, warum das Soziale regelmäßig so wenig zufriedenstellend für die darauf Angewiesenen ist. Die gängige Antwort ist die, dass die Sozialleistungen eben auch erst erbracht werden wollen. Das Einsammeln von Geld für die verschiedenen Kassen und die zuständigen Posten des Staatshaushaltes stoße an Schranken, die nicht ignoriert werden könnten.
Für Menschen, die sich selbst gerne als links oder volksfreundlich sehen, ist das dann regelmäßig Anlass, zu beklagen, dass ZU WENIG für die Bedürftigen getan werde und dies vom moralischen Standpunkt beklagenswert sei. Darin treffen sich engagierte Christen mit linken Gewerkschaftlern und den jeweiligen Sozialflügeln der großen Parteien. Auch die neue Linkspartei insgesamt verspricht hier stärkeres Engagement und die faschistischen Volksgenossen wissen ebenfalls, dass der anständige Arme mehr verdient, als er tatsächlich verdient.
Preisfrage: Geht es also um mehr Einsatz für die Empfänger von Transferleistungen, wie die modernen Almosen genannt zu werden pflegen, geht es um originelle Vorschläge auf diesem Gebiet und machtvolle moralische Anklagen?
Ich breche hier für jetzt ab und warte, ob überhaupt und welche Reaktionen kommen.
Was bedeutet also “sozial”? – So wie das Wort im Zusammenhang mit der Marktwirtschaft (MW) gerne benutzt wird, impliziert es so viel wie: “menschenfreundlich”. Und eine Marktwirtschaft ist nach meiner Wahrnehmung eigentlich immer nur zu einer bestimmten und eher kleinen Gruppe von Menschen “freundlich”.
Im strengen Sinne allerdings bedeutet “sozial” wohl nichts anderes als “wechselseitige Bezüge als eine Grundbedingtheit des Zusammenlebens“. Und das ist wertfrei und somit durchaus auch auf die MW zutreffend.
Mir geht es darum, darüber nachzudenken, ob der Nokia-Fall nicht ein ganz normales Ereignis in der Logik der MW ist, bei dem es wenig Sinn macht, es als “verwerflich” etc. zu bewerten. Stattdessen sollte vielleicht eher über die Mechanismen nachgedacht werden, die zwangsläufig zu solchen Ereignissen führen – und darüber, ob diese Mechanismen schicksalhaft und / oder unumstößlich sind oder ob es ggf. Alternativen dazu gibt.
Urban schrieb am 22. 1. 2008:
Zitat: “Mir geht es darum, darüber nachzudenken, ob der Nokia-Fall nicht ein ganz normales Ereignis in der Logik der MW ist, bei dem es wenig Sinn macht, es als “verwerflich” etc. zu bewerten.”
Als systemwidrig wird die Werksschließung in der gängigen Diskussion nicht bezeichnet. Sie ist es auch nicht. Nokia stellt fest, dass die Maschinen sowieso demnächst erneuert werden müssen und dass in Rumänien die Lohnkosten deutlich unter denen in Deutschland liegen. Also wird umgezogen. Würde die Konzernleitung diese und ähnliche Entscheidungen nicht so sachgemäß treffen, wie sie sie soeben trifft, müsste Nokia nämlich längerfristig alle seine Standorte schließen. Die Firma würde ihre dann zwangsläufig zu teuren Handys nicht mehr loswerden und Pleite gehen.
Dann ginge sofort derselbe Vorwurf los, der auch jetzt erhoben wird: Managementfehler, verfehlte staatliche Subventions- und Strukturpolitik. IG-Metall-Chef Huber wirft dem Management vor, es würde “aberwitzige” Renditen fordern. Renditen sind allerdings weder witzig noch aberwitzig, sondern haben grundsätzlich auf Dauer so hoch wie möglich zu sein. Und wenn bei Beachtung dieses Grundsatzes eine Firma zu dem Schluss kommt, lieber in Deutschland als in Rumänien produzieren zu lassen, dann ist ja auch die Welt wieder völlig in Ordnung. Dann dürfen eben die Rumänen eine ergreifende Demo machen und Sprüche klopfen.
Details hier:
http://de.reuters.com/article/topNews/idDESCH25890420080122
Naja so is das doch heutzutage überall. Da machen die Politker was aber wollen den Preis dafür nicht bezahlen. Da wird dann der Kampfeinsatz noch als Betriebsausflug deklariert
Nur die Überwacher sind Konsequent und fordern nach und nach alles.
Ja Firmen haben mit Moral nichts am Hut. Wer nicht auf die Zahlen schaut der geht unter. Immerhin wird ja das neue Werk von einer deutschen Firma gebaut. Also etwas Geld bleibt auch noch bei uns hängen…
kil schrieb am 23. 1. 2008:
Zitat: “Firmen haben mit Moral nichts am Hut”
Irrtum! Firmen haben sehr viel mit Moral zu tun. Sie tragen doch die [b]Verantwortung[/b] dafür, dass sie wirtschaftlich gesund dastehen und [b]uns[/b] somit ermöglichen, sich uns bei ihnen zu verdingen. Arbeitsplätze werden abgebaut, damit die verbleibenden sicher sind. Wenn die dann abgebaut werden, da capo!
Dass diese Verhältnisse als das Selbstverständlichste der Welt gelten, hat auf Seite derer, die schön arbeiten oder zwischenzeitlich stempeln gehen, ebenfalls jede Menge mit Moral zu tun. Wem das Ganze also doch nicht so ganz nach der Nase ist, sollte sich gut überlegen, ob er ausgerechnet über angeblich [b]mangelnde[/b] Moral Beschwerde führt.
Jetzt das Ganze noch einmal, aber formal richtig. Sorry!
kil schrieb am 23. 1. 2008:
Zitat: “Firmen haben mit Moral nichts am Hut”
Irrtum! Firmen haben sehr viel mit Moral zu tun. Sie tragen doch die Verantwortung dafür, dass sie wirtschaftlich gesund dastehen und [b]uns[/b] somit ermöglichen, sich uns bei ihnen zu verdingen. Arbeitsplätze werden abgebaut, damit die verbleibenden sicher sind. Wenn die dann abgebaut werden, da capo!
Dass diese Verhältnisse als das Selbstverständlichste der Welt gelten, hat auf Seite derer, die schön arbeiten oder zwischenzeitlich stempeln gehen, ebenfalls jede Menge mit Moral zu tun. Wem das Ganze also doch nicht so ganz nach der Nase ist, sollte sich gut überlegen, ob er ausgerechnet über angeblich mangelnde Moral Beschwerde führt.
Hoffentlich war das eine der letzten Schließung, denn wir sind alle auf die Arbeitsplätze angewiesen. Ich glaube nicht, dass die Firmen Spass daran haben, die Werke zu schließen.
Anne schrieb am 1.7.2008:
Zitat: “Hoffentlich war das eine der letzten Schließung”
Das war bestimmt nicht eine der letzten Schließungen. Einfach darauf zu hoffen, dass nicht passiert, was einem nicht passt, ist unsinnig und gefährlich.
Zitat: “denn wir sind alle auf die Arbeitsplätze angewiesen”
Gerade nicht. Nur die große Mehrheit, die nicht genügend Geld für eine eigene Firma hat und deswegen arbeiten gehen muss, ist auf den anstrengenden und widerlichen Schleudersitz namens Arbeitsplatz angewiesen. Die wenigen anderen, denen die Firmen direkt oder indirekt gehören, sind dagegen darauf angewiesen, aus dem Geld, das sie in die Firma gesteckt haben, möglichst viel herauszuholen. Und weil das so ist, geht es nicht darum, ob sie Spass am Firmenschließen haben oder nicht, sondern darum, im Rahmen der Konkurrenz erfolgreich zu sein. Das bedeutet, dass sie immer wieder jede Menge Leute rausschmeißen werden. So funktioniert Marktwirtschaft.